06.03.2026
Umweltreize vom Bauernhof trainieren das Immunsystem
Warum schützt das Aufwachsen auf dem Bauernhof vor Asthma? Forschende aus München, Borstel und Großhansdorf haben in einer aktuellen Studie molekulare Mechanismen identifiziert, mit denen Bauernhofstaub Immunzellen beeinflusst und allergische Entzündungsreaktionen in der Lunge reduziert. Ihre Erkenntnisse wurden in der Fachzeitschrift Science Advances veröffentlicht.
Seit Jahrzehnten beobachten Forschende etwas Auffälliges: Kinder, die auf traditionellen Bauernhöfen aufwachsen, entwickeln deutlich seltener Allergien oder Asthma als Kinder in Städten. Was genau schützt ihre Lungen? Bereits vor Jahren fand Professorin Erika von Mutius vom Institut für Asthma und Allergie (IAP, Helmholtz Munich) und Wissenschaftlerin des Deutschen Zentrums für Lungenforschung am Standort CPC-M, einen überraschenden Hinweis: Bauernhofstaub aus Kuhställen.
Für die nun publizierte Studie arbeiteten von Mutius und Professor Önder Yildirim vom Münchner DZL-Standort mit den Arbeitsgruppen der ARCN-Wissenschaftler Professor Michael Wegmann (Forschungszentrum Borstel, Leibniz Lungenzentrum) und PD Dr. Henrik Watz (LungenClinic Grosshansdorf) zusammen, um die molekularen Grundlagen dieses Schutzes zu entschlüsseln. Die Ergebnisse zeigen, wie bestimmte Umweltreize das Immunsystem auf epigenetischer Ebene umprogrammieren und es so gegen allergische Entzündungen „trainieren“.
Das Immunsystem trainieren, bevor es überreagiert
In einem etablierten Asthma-Modell setzten die Forschenden Mäuse einem Extrakt aus Bauernhofstaub aus, um eine allergische Reaktion auszulösen. Anschließend isolierten sie deren Immunzellen. Zudem untersuchten sie Immunzellen aus dem Blut von Asthmatikern und gesunden Kontrollpersonen. Im Ergebnis zeigten sich nach Exposition mit Bauernhofstaub eine deutlich reduzierte Entzündung der Lunge, weniger Schleimbildung und stark abgeschwächte entzündliche Immunreaktionen.
Als wichtige Player in diesem Prozess identifizierten die Forschenden Makrophagen. Diese Zellen spielen eine Rolle bei der Aktivierung allergischer Reaktionen. Der Bauernhofstaub programmierte sie jedoch um: Die Makrophagen produzierten weniger CCL8*, einen Botenstoff, der bestimmte Entzündungszellen, die Eosinophilen, anzieht. Außerdem bildeten die Makrophagen weniger MHC‑II‑Moleküle**, wodurch die Antigenpräsentation an T‑Zellen und damit deren Aktivierung eingeschränkt wurde. Dies ist ein entscheidender Schritt der allergischen Immunreaktion.
Wie programmiert Bauernhofstaub das Immunsystem um?
Grundlage der durch den Bauernhofstaub angestoßenen Veränderungen ist die Epigenetik: Kommen Menschen immer wieder mit Allergenen in Kontakt, können unter bestimmten Umständen Entzündungsgene wie CCL-8 oder MHC-II dauerhaft aktiviert werden. Auf molekularbiologischer Ebene erhöht sich dabei die Zugänglichkeit der Gene und damit ihre Aktivität. Der Bauernhofstaub stört genau diese Kaskade, sodass die Makrophagen keine starken Allergiesignale mehr senden.
Önder Yildirim schließt daraus, dass nicht alle Umweltreize schädlich sind: „Wir entschlüsseln, wie positive Umweltsignale die Gesundheit schützen und die Immunkompetenz stärken. Was wir beim Asthma lernen, könnte die Prävention vieler chronischer Lungenerkrankungen verändern – auch von COPD und Lungenfibrose.“
Effekte bei beiden Geschlechtern von Bedeutung
Die Arbeiten der Gruppe von Michael Wegmann stellten dabei sicher, dass es keine Unterschiede zwischen den männlichen und weiblichen Versuchstieren gab und die Effekte für beide Geschlechter zutreffen. Wegmann denkt, dass die in Science Advances publizierten Erkenntnisse dazu beitragen könnten, den schützenden Effekt gezielt durch präventive Behandlung mit Bestandteilen des Bauernhofstaubs auszulösen. „Dazu müssten allerdings diejenigen Bestandteile – und deren genaue Dosen – identifiziert werden, die diesen Effekt vermitteln. Sollten wir hier vorankommen, könnte man Kinder damit behandeln und Allergien und Asthma vorbeugen.“
Erika von Mutius fasst es so zusammen: „Wenn wir verstehen, wie die Umwelt das Immunsystem stärkt, können wir chronische Krankheiten nicht nur behandeln, sondern verhindern. Die Zukunft der Medizin könnte darin liegen, die Biologie der Resilienz zu nutzen.“
*CCL8: CC-chemokine ligand 8
**MHC-II: Major histocompatibility complex II
Weitere Information:
Information des Airway Research Center North (ARNC):
Kann Bauernhofstaub die Lunge schützen?
Publikation:
Dragunas G, Klotz M, Chen S et al. A beneficial environment promotes immune resilience through epigenetic regulation. Sci Adv. 2026 Feb 27;12(9):eady7317. https://doi.org/10.1126/sciadv.ady7317
Kontakt

PD Dr. Michael Wegmann
Leiter der Forschungsgruppe "Lungen-Immunologie"
+49 4537 / 188-5830