15.10.2026
25 Jahre Tuberkulose-Genomforschung in Hamburg: Migration erhöht die Erregervielfalt, lokale Stämme bestimmen die Übertragung
Migration hat die genetische Vielfalt der Tuberkulose-Erreger in Hamburg erhöht. Die lokale Übertragung wird jedoch weiterhin vor allem von etablierte Erregerstämmen geprägt; zugleich unterscheiden sich einzelne Subtypen deutlich in ihren Übertragungsmustern. Das zeigt eine kürzlich in Genome Medicine veröffentlichte Langzeitstudie.
Forschende des Forschungszentrums Borstel, Leibniz Lungenzentrum (FZB), des Hamburger Gesundheitsamts und weiterer Partner untersuchten 3.131 Tuberkulose-Erregerstämme von Patientinnen und Patienten aus Hamburg. Die Proben stammten aus den Jahren 1997 bis 2021. Das Team kombinierte Ganzgenomsequenzierung (Whole Genome Sequencing, WGS) mit epidemiologischen Daten, um Veränderungen der Erregerpopulation und der Übertragung über diesen Zeitraum nachzuzeichnen.
Die Erregerpopulation ist vielfältiger geworden
Die Zusammensetzung der Erregerpopulation hat sich im Untersuchungszeitraum verändert. Der Anteil der Linie 4 (L4), die in Europa historisch besonders verbreitet ist, sank von 83,5 % in den ersten fünf Jahren auf 63,0 % in den letzten fünf Jahren. Der Anteil von Stämmen der Linie 3 (L3), die häufiger in Teilen Süd- und Zentralasiens sowie Ostafrikas vorkommt, stieg von 4,8 auf 18,1 %. Diese Veränderungen gingen mit einem höheren Anteil von TB-Patientinnen und -Patienten einher, die außerhalb Deutschlands geboren wurden.
Entscheidend ist jedoch: Die zunehmende Vielfalt der Erreger führte nicht zu einer entsprechend verstärkten Übertragung von Stämmen der neu eingeführten Linien.
„Migration verändert die genetische Vielfalt der Tuberkulose-Erreger, bedeutet aber nicht automatisch mehr lokale Übertragung“, erklärt Prof. Dr. Stefan Niemann, Leiter der Forschungsgruppe "Molekulare und Experimentelle Mykobakteriologie" am FZB. „Wir müssen genau unterscheiden, ob ein Erreger neu eingeführt wird oder sich anschließend weiterverbreitet.“
Erregersubtypen unterscheiden sich in ihrer Verbreitung
Eine Einteilung in größere Erregerlinien kann wichtige Unterschiede verdecken. Stämme der Linie 4 machten 81 Prozent der in der Studie identifizierten genomischen Übertragungscluster aus. Innerhalb dieser Linie unterschieden sich die Übertragungsmuster jedoch deutlich zwischen einzelnen Subtypen.
Bestimmter Subtypen, darunter L4.1.2.1 und L4.8, wurden bei Patientinnen und Patienten aus vielen verschiedenen Herkunftsregionen gefunden. Das passt zur Annahme, dass sich manche sogenannte „Generalisten“ in unterschiedlichen menschlichen Populationen verbreiten können. Andere Erregervarianten scheinen stärker an bestimmte Populationen oder Regionen gebunden zu sein.
„Auch der Erregerstamm selbst spielt eine Rolle“, betont Viola Dreyer vom FZB. „Bestimmte Subtypen scheinen besonders erfolgreich Übertragungsketten aufzubauen. Solche Unterschiede werden erst durch die hochauflösende Genomsequenzierung sichtbar.“
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Genomdaten helfen, importierte Infektionen von lokaler Übertragung zu unterscheiden
Die Ergebnisse sind für die Tuberkulosekontrolle in Deutschland und anderen Ländern mit niedriger TB-Häufigkeit relevant. Ein Anstieg der Fallzahlen im Zusammenhang mit Migration zeigt für sich genommen nicht, wo die Infektionen stattgefunden haben. Durch die Kombination von Erregergenomen mit demografischen und epidemiologischen Daten können Gesundheitsbehörden Übertragungsketten besser erkennen und Maßnahmen gezielter ausrichten.
Publikation: Ullrich, N., Diel, R., Meywald-Walter, K. et al. Migration and tuberculosis transmission in Hamburg, Germany: insights from 25 years of molecular epidemiology. Genome Med 18, 137 (2026). https://doi.org/10.1186/s13073-026-01750-7

